Bericht zur Unternehmensverantwortung 2013
Bericht Unternehmensverantwortung 2013
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„Geld & Rollenvorbilder“

Herr Selig, bei der Unterstützung von Kinderhilfswerken sieht man oft Bilder großer Schecks in der Zeitung. Warum bei Ihnen nicht?

Christoph Selig: Weil wir in der Öffentlichkeit keine großen Schecks ausstellen. Unsere Aktivitäten sind keine reine Charity, sondern wir bieten den SOS-Kinderdörfern etwas an, was diese alleine nicht so leicht leisten können. Nämlich neue Rollenbilder für die Heranwachsenden.

Können Sie das erklären?

Christoph Selig: Die SOS-Kinderdörfer sind eine etablierte Institution mit hoher Reputation auf der ganzen Welt. Sie kümmern sich um Kinder, die ihre Eltern verloren haben oder die Gefahr laufen, ihre Eltern zu verlieren. Es geht also um Waisen und Sozialwaisen. Das Konzept ist, dass diese Kinder in den SOS-Kinderdörfern einen bestmöglichen Familienersatz bekommen. Das funktioniert ganz hervorragend, bis die Kinder etwa 14 oder 15 Jahre sind. Dann entstehen – wie in jeder Familie – neue Herausforderungen.

Weil die Pubertät zuschlägt?

Christoph Selig:
Ja, und bei diesen Kindern besonders hart. Sie werden sich in diesem Alter über ihre eigene Lage bewusst, viele fühlen sich stigmatisiert. In diesem Alter werden aber wichtige Entscheidungen getroffen, über den weiteren Schulbesuch, über die Berufswahl. Dabei haben die Kinder in den SOS-Kinderdörfern insbesondere in Entwicklungsländern oft kein Rollenvorbild in beruflicher Hinsicht, weil die Mütter der Ersatzfamilien im Dorf leben und arbeiten. Es geht niemand raus zum Arbeiten. Die Jugendlichen erleben in dieser Phase also nie, dass Mutter oder Vater abends besonders geschafft oder auch in Hochstimmung nach Hause kommen und von der Arbeit erzählen. Die Jugendlichen haben deshalb relativ wenig Bezug zur Arbeitswelt und entsprechende Berührungsängste. Sie brauchen positive Rollenvorbilder.

Hier setzen Ihre Freiwilligen an?

Christoph Selig: Unsere Mitarbeiter sind naturgemäß Experten für das Thema Berufseinstieg. Sie haben sich selbst beworben, sie stellen junge Menschen ein, kennen die Bildungslandschaft und die Ausbildungssysteme in ihrem jeweiligen Land. Wir in der Programmsteuerung bitten unsere Mitarbeiter in den Ländern, ihre individuellen Erfahrungen den Jugendlichen im Rahmen von Hospitanzen, Praktika oder Trainingsprogrammen, zu vermitteln. Der Rahmen der Partnerschaft ist global, die Projekte sind immer lokal. Unsere Kooperation in Uganda ist ein ugandisches Produkt, die in Jordanien jordanisch. Alles ist individuell zugeschnitten auf die jeweiligen Herausforderungen, die lokale Einheit von Deutsche Post DHL, den betreuten Jugendlichen und den Mitarbeiter, der sich engagiert. Der kann ebenfalls seine Sozialkompetenz steigern.

Was genau können Mitarbeiter von Deutsche Post DHL aus den Projekten mitnehmen?

Christoph Selig: In vielen Ländern der Welt gibt es immer noch eine ausgeprägte Klassengesellschaft. Angehörige verschiedener sozialer Schichten meiden den Kontakt. Das geht in beide Richtungen.

Die da oben reden aus Standesdünkel nicht mit denen da unten, die da unten aus Scham oder Stolz nicht mit denen da oben?

Christoph Selig: Das ist überzeichnet, aber es gibt diese Berührungsängste. Bei unseren Projekten begegnen sich benachteiligte Jugendliche und Fahrer und Packer, aber auch Manager. Und oft stellen wir fest, dass unsere Mitarbeiter davon erzählen, dass sie in den Jugendlichen aus den SOS-Kinderdörfern ihre eigenen Kinder wiedererkennen oder sich an ihre eigene Jugend und den Einstieg in den Beruf erinnert fühlen. Durch das Engagement überwinden wir viele soziale Schranken in den Betrieben vor Ort und verbessern die Zusammenarbeit in unseren Teams.

Christoph Selig ist Leiter des GoTeach-Teams von Deutsche Post DHL